Literatur

Was liest das Kind?

Dreieinhalb Bücher, die ich als Kind gelesen und mir Jahrzehnte später erneut gekauft habe, finde ich im Rückblick besonders prägend für meine Entwicklung:

Das Witte-Kinderlexikon hat mir nicht nur die geographische Welt eröffnet und meinen Wortschatz erweitert, sondern mich auch dazu gebracht, mir das Lesen selbst beizubringen (natürlich mit der Unterstützung meiner Eltern, die ich damit vermutlich so manches Mal über Gebühr in Anspruch genommen hatte). Das war weit vor meiner Einschulung.

Der 35. Mai von Erich Kästner bot üppige Vorlagen, auf denen meine kindliche Vorstellungswelt sprießen und erblühen konnte. Auf längere Sicht schuf das das Fundament für die felsenfeste Überzeugung, auch anderer Leute Phantasie und Kreativität mit Hochachtung zu begegnen, statt sie als etwas Nutzloses oder gar Verbotenes zu betrachten.

Schließlich hat Kurt Kläbers Die Rote Zora und ihre Bande mir zu einer Zeit, als das in Westdeutschland gesellschaftlich überhaupt noch kein Thema war, die Augen dafür geöffnet, dass Frauen sogar die besseren Männer sein können. Ein wenig hat – das ist das dreieinhalbste Buch – auch Pippi Langstrumpf hierzu beigetragen.

Natürlich hatte ich in meiner ersten Lebensdekade auch ein bisschen weniger anspruchsvolle Lektüre verschlungen, sowas wie die Häschenschule, Pixi-Bücher, Micky-Maus-Hefte und den Kicker. Schließlich war ich kein überkandideltes, sondern ein ganz normales Kind.

 

Comics, Cartoons, Bandes Dessinées

Auf dem Siegertreppchen, erst nach Auswertung des Zielfotos platzierbar:

(1) Carl Barks mit Erika Fuchs (Die Ducks)

(2) René Goscinny und Albert Uderzo (Astérix)

(3) Jean-Marc Reiser (Gesamtwerk seiner Bédés)

Ebenfalls im Endlauf dabei, alphabetisch sortiert:

Dik Browne (Hägar der Schreckliche), Hergé (Tim und Struppi), Marunde (Landleben), Morris und Goscinny (Lucky Luke), Wolinski (Monsieur) – und im Halbfinale mit der neunt- bzw. zehntbesten Zeit ausgeschieden: Reg Smythe (Andy Capp, auf Deutsch Willi Wacker) sowie Gilbert Shelton (The Fabulous Furry Freak Brothers)

Der Sonderpreis für ein Einzelwerk geht an Michael O’Donoghue und Frank Springer (Phoebe Zeit-Geist, 1968), die Freier-vom-Schwein-Medaille verleihe ich Guy Peellaert für seine Serie künstlerisch-realistischer Portraits von Rockpop-Größen (Rock Dreams, 1973).

 

Belletristik

Hauptsächlich lese ich ja Sach- und Fachbücher – zu Geschichte und Politik (Schwerpunkte: 19. und 20. Jahrhundert), Fußball und Musik, im Grenzbereich zu purer Fiktion gelegentlich auch ein paar historische Romane (Docu-Fiction) wie Der Untertan bzw. Jugend und Vollendung des Königs Henri IV von Heinrich Mann oder Robert Harris‘ großem Bogen, der von Cicero über die Dreyfus-Affaire bis in das Dritte Reich führt.

Ansonsten aber darf es gerne Entspannendes und Erbauliches sein, also Krimis, und da besonders Buchserien mit ein und derselben ermittelnden Person. Das begann mit Sjöwall & Wahlöö, Janwillem van de Wetering, -ky und Patricia Highsmith (alle auf Deutsch). Seit wenigstens 25 Jahren trainiere ich zudem mein Englisch, und auch da gibt es eine kleine Menge von Autoren und -innen, die mittlerweile zwei Regale bei mir füllen. Tony Hillerman schätze ich, weil er sensible Einblicke in das Leben und Denken der Ureinwohner im Südwesten der USA (Navajo, Diné und Hopi) ermöglichte; dasselbe leistet, natürlich auf ihre eigene Art und in ihrer persönlichen Schreibe, Faye Kellerman für die jüdische Community (anfangs in Kalifornien, zuletzt in New York). Echte ökologische Krimis aus Florida verfasst seit Jahrzehnten Carl Hiaassen, in Deutschland unverdienterweise immer noch nahezu ignoriert, dabei aber bei aller thematischen Ernsthaftigkeit urkomisch. Konventioneller, aber auch bestens lesbar: die wiederum in Kalifornien angesiedelten, in alphabetischer Reihenfolge betitelten Bücher von Sue Grafton. Bis Y ist sie gekommen, den Buchstaben Z konnte sie leider nicht mehr vollenden.

 

Zu guter Letzt: Lyrik

Gedichte und Olaf – das ist wie Feuer und Wasser. Oder umgekehrt. Eigentlich jedenfalls. Allerdings kann ich eine Menge Songtexte, v.a. aus den 1960ern, heute noch mitsingen, und auf Englisch heißen die nicht nur Lyrics, sondern spätestens seit der Nobelpreisverleihung an Bob Dylan sind manche von ihnen das ja tatsächlich: Hochkultur im lyrischen Gewand.

Ansonsten kam mir Gereimtes normalerweise nicht ins Haus. Es gab aber Ausnahmen: Humorvolles, Skurriles, leicht Abseitiges bis hin zu dezent Schweinischem durfte dann doch. Sowas wie die Animalerotica von Gernhardt, Bernstein & Waechter.

Jahre bevor ich E. E. Cummings‘ Poem I sing of Olaf kennenlernte, lernte ich Ludwig Uhlands Ballade Schwäbische Kunde auswendig – und auch die ist bis heute vollständig im Gedächtnis haften geblieben, möglicherweise wegen des hübschen Reims «Zur Rechten sieht man wie zur Linken einen halben Türken hernieder sinken». Manchmal drohe ich im Freundeskreis damit, dieses Kreuzzugsepos aus Barbarossas Zeiten von A bis Z zu deklamieren – und die wissen: Der macht das wirklich!

Dann war da noch ein donaldisches Highlight, in dem er eine Portion Wallenstein («Spät kömmt ihr, doch ihr kömmt, Graf Isolan. Der weite Weg entschuldigt euer Säumen.») zum Besten gibt. Ansonsten ist es aber nahezu ausschließlich Achim Reichels LP Regenballade von 1978 zu verdanken, dass ich mich in besten Mannesjahren doch noch dieser lyrischen Sonderform zuwandte. Mir Nordlicht haben es darin vor allem unsere großen südjütischen Dichter angetan. Nis Randers (Otto Ernst), Een Boot is noch buten (Arno Holz), Trutz Blanke Hans und Pidder Lüng (Detlev von Liliencron) regen wahrhaft zum Mitkämpfen gegen die Unbilden der Natur und gegen menschliche Fies- & Finsterlinge an; für Sesselpuper und Couch Potatoes halten sie wenigstens den Genuss der plattdeutschen Mundart und des – wie Reichel in seiner Autobiographie schreibt – Rockens & Groovens bereit.