Menschen und Orte

Eine Selbstverständlichkeit, ganz ohne philosophische Tiefgründelei: Wir sind Herdentiere, also bin auch ich ein Homo socialis. Von etlichen Menschen finde ich, dass meine Biographie ohne sie ganz unvollständig wäre.
Noch eine Selbstverständlichkeit: Orte weisen mitunter einen eigenen Geist (Genius loci) auf und prägen uns, einzelne ebenso wie Typen von ihnen. Und auch ohne ihre Erwähnung fehlte dieser Website etwas Wesentliches.

 

Menschen

Dies soll kein reiner Nostalgie-Abschnitt werden, ist aber doch zwangsweise überwiegend ein Rückblick auf Menschen außerhalb meiner Familie, denen ich begegnet bin.

 

 

Old friends, bookends

Es ist der normale Gang der Dinge, Menschen zu begegnen, die dann eine Zeitlang eine Rolle im eigenen Leben spielen – Freunde, Freundinnen, Weggefährten -, bevor sie wieder aus dem Blickfeld geraten. Auf den einen oder die andere ist man – sieben oder 15 Jahre später, inecht oder virtuell – noch mal wieder gestoßen, wie etwa zwei Hände voll ehemaliger Schüler: Kerstin H. und Peter O., Birgit M., Ralf „Horst” Sch., Nils A., Sabine M., Susi Sch., Monika B., Jan-Peter M., Antje K. und Sabine W. oder, weil sie es zu medialer Bekanntheit gebracht haben, den Guinness-Book-of-Records-Schiedsrichter und Rockabilly-Bassisten Olaf Kuchenbecker, die unter dem Pseudonym Svende Merian bekannt gewordene Schriftstellerin, den Verlagserben Sascha (Alexander) Falk, Radiomoderator Peter Hauner und Schauspielerin Henny (Marie) Bäumer.
Über andere stellt man sich die Frage, was wohl aus ihnen geworden ist, und bekommt darauf häufig keine Antwort. Das wird auch für viele derjenigen aus meiner ersten Lebenshälfte zutreffen, die mir beim Abfassen meiner Biographie wieder eingefallen sind. Ihnen setze ich hier gerne ein Erinnerungs-Ausrufezeichen, denn sie spielten für mich eine Rolle.

Astrid und ich waren da schon wieder weg

Hubert Z. in Frankenthal, Rainer W. in Stuttgart und Wolfgang S. in Wuppertal waren frühe gute Spielgefährten. Astrid aus Heckinghausen (mein erster „richtiger” Kuss, also mit nass und Zunge, im Einfahrtsportal der Bremme-Brauerei [Bild links]), Marion W. vom Klingholzberg, die – anders als die Gymnasiastinnen von der Sternstraße – nicht immer nur plaudern oder tanzen gehen wollte, und die sehr nette, aber auch sehr katholische Anke vom Sedansberg leiteten das Kind auf ganz unterschiedliche Weisen zum Jungpubertierenden über. Wirtssohn Jürgen „Spille” S. hatte immer Geld und noch mehr Geschichten – oder besser: Räuberpistolen – zu erzählen. Manfred W., Leiter des Hauses der Jugend neben der Ruhmeshalle, wo ich häufig kickerte und Musik hörte, nahm mich zu den Nerothern mit. Hardy K., die rechte Hälfte unseres Verteidigerpaares, lernte Kfz-Mechaniker bei Auto Brauss. Klaus-Peter B. wirkte nur äußerlich etwas versnobt.

In Hamburg war ich anfangs oft in der Dehnhaide bei Ecki und Frauke, bei Maren D. am Großensee, der ich eine Autofahrt im Pferdeanhänger verdanke, und bei Thea G., die mir die DDR etwas näher gebracht hat. Im Geomatikum und auf Exkursionen lernte ich Walter L., Ali K. und Biggi St. näher kennen und schätzen, in der Historikeretage des Philosophenturms v.a. Hans-Peter J. und Nelly K. (Examensgruppe). Mit Axel St. wohnte ich ab 1973 in der Bornstraßen-WG zusammen und wir haben uns bis in die 2000er Jahre immer mal wieder getroffen, meist in Bremen, wohin er nach dem Studium zurückgekehrt ist. Wo wohl Ulrike D., Dietmar P., Angelika T. oder Corinna E., die Mitglieder unserer WG in der Paul-Sorge-Straße, abgeblieben sind?

Jürgen in Hamwarde

Referendarszeit und erste Berufsjahre liegen ja erst vier Jahrzehnte zurück, aber auch da gibt es einige „abgerissene Fäden”, die ich bedauere. Jürgen P., der Geoffrey Chaucer und Tom Lehrer zitierte, aber trotzdem schwer in Ordnung war, ging irgendwann allen aus dem Weg, die ihm in einer bestimmten Phase seines Lebens nahe gewesen waren, wohingegen ich seiner damaligen Liebsten Christiane B. in den 2000ern am Millerntorstadion wiederbegegnete. Myriam N.-P. nahm mich vom Atlantik mit zu sich nach Auch im Département Gers, wo sie mir mehrfach Daniel Lavoies LP Nirvana bleu vorspielte; störend bloß, dass ihr Haus so verfloht war. Volker G., ein extrem sympathischer Saarländer, gründete eine Familie und zog aus der Kampstraße nahe dem Schlachthof in Hamburgs Nordnordosten. Das Stringboard von Sigrid M. nutze ich immer noch, ihr Haus in Bargenstedt aber schon lange nicht mehr. Gerd B. war ein Hansdampf in vielen Gassen: Präsi des HSV-Fanclubs Rothosen, Lkw-Fahrer, Herrchen von Kronkorken-Alpha, Gründer der ersten Biofood-Koop in Altona-Altstadt, aktiv in unserer dortigen Mietergruppe, Aufbau eines Nica-Kaffee-Vertriebs und einer Plakatierkolonne in Ottensen. Heike H. konzentrierte sich auf die Psychologie. Schließlich mein langjähriger Arbeitskollege und Millerntor-Stehplatz-Nord-Nachbar Dub, der sich in seine späte Ehe zurückzog.

Manchmal webt das Leben auch wirklich denkwürdige Netze. So hatte ich 1976/77 am St. Ansgar-Gymnasium mit Bruno H. einen witzigen Kollegen des Typs Gentle Giant, ebenfalls Lehrbeauftragter. Den traf ich 1978 zufällig in Lit-et-Mixe an der Biskaya wieder, wo er zusammen mit den mir bis dahin unbekannten Jürgen P. und Christiane S. („Seelachs”) die Sommerferien verbrachte. Ein Jahrzehnt später begegnete ich Bruno gelegentlich auf ein paar Biere in Rogers Erpel an der Ecke Wohlers Allee/Thadenstraße, in dessen Nachbarschaft er mittlerweile wohnte. Ab 2003 saß plötzlich sein Sohn Paul in meinem Geschichts-Leistungskurs an der GS Blankenese, und bei dessen Abifeier 2005 traf ich dann auch Bruno erneut.

Ihnen allen geht es, hoffe ich, gut.

 

 

Voll- und Leerkörper

Und wenn ich denn schon dabei bin, komme ich auch nicht umhin, einigen derjenigen, die mich berufsmäßig gelehrt haben und/oder zu erziehen versuchten, einen Absatz zu widmen.

Aus den frühen Schuljahren unschlagbar gut in Erinnerung geblieben ist mir Frau Bicknese, meine Wuppertaler Volksschul-Klassenlehrerin, fachliche Allrounderin und – abgesehen von Frau Stadtherr vorher in Stuttgart – einzige Lehrerin meiner Schülerzeit. Wenn nicht unbedingt gemocht, so doch respektiert habe ich zudem die Herren Jäger (Mathe), der in den Sommerferien 1963 eine Gruppe von uns im Schullandheim Sulzfluh in den Vorarlberger Alpen betreute, und Dr. Lisner (Latein, meine erste Fremdsprache). So Positives fällt mir über Erdkunde-Lubich mitnichten ein, und von meinen ersten beiden Gymnasial-Klassenlehrern Lorenz und Meyer-Willudda erinnere ich auch eher nur ihre Marotten: Weihnachtspäckchen für Annaberg im Erzgebirge der eine, Sportunterricht in Mantel und Hut („Hartfried! Vorturnen!”) der andere, der in sein aus einem mehrfach gefalteten A4-Blatt bestehendes Büchlein mit einer Kulimine, die er mit einem Tempo-Taschentuch umwickelt hatte, Noten eintrug. Nach einem Jahr war er wieder weg und an einer anderen Schule – ein sogenannter «Wanderpokal», wie ihn ein Kollege bezeichnete, und offensichtlich schwer weltkriegstraumatisiert, wofür wir Zwölfjährigen aber erst deutlich später Sensibilität entwickelten. Von meinem ersten Geschichtslehrer erinnere ich nicht mal mehr, ob er Kötter oder Köster hieß, und wann wir Herrn Hock in Sport und Herrn Weißhuhn in Zeichnen hatten, entzieht sich völlig meiner Kenntnis.

Diesterwegstr. 3, hinten links unser neuer Oberstufenbau

In der Mittelstufe wurde Günther Nagel (Bio, Chemie) zu meinem absoluten Favoriten – noch relativ jung, dabei sehr entspannt, und das nicht nur, weil er später in jeder Doppelstunde zwei Schüler losschickte, um Tubifex für die Aquarien zu beschaffen. Natürlich wusste er, dass wir die Besorgung zu einem Tässchen Kaffee bei Eduscho an der Wichlinghauser Straße nutzten. Ein anderes Kaliber war Klassenlehrer Dr. Neuhoff (Deutsch & Englisch), der zumindest mich nicht nur mit seinen klassischen Lektüren anödete (siehe auch meine Unterseite Interessen/Literatur), sondern selbst Mitte der 1960er gelegentlich noch Schüler züchtigte; sein Backenkneif-Drehgriff war wirklich unangenehm. Erheitert hat er mich gelegentlich aber auch, so bspw. während einer Klassenreise an den Bodensee: Christian Spenglers laut vernehmliche Nettigkeit über die Schweizer Zöllner, die unseren Bus an der Grenze kontrollierten („Das sind alles ehemalige Nazis”), und meine permanenten Hinweise auf architektonisch wertvolle Beobachtungen („Linkerhand – eine neogotische Tankstelle!”) konterte er mit der gepresst hervorgebrachten Drohung „Ich schicke euch telegraphisch nach Hause!”.

Rolf Dommer (Mitte) 1968

In der Oberstufe schließlich kamen zwei persönlich besonders gemochte Pädagogen hinzu: Rolf Dommer, ehemaliger Studenten-Boxmeister, Klassen-, Deutsch- und Sportlehrer bis zum Abi, sowie Roland Stowasser (Mathe), der fachlich für uns eigentlich viel zu gut war und später Uni-Professor in Berlin wurde. Der kriegsversehrte Dr. Weigel schätzte offenbar meine Mitarbeit in Erdkunde (notenmäßig sogar sehr) und verzieh dem vorlauten, manchmal auch frechen Jüngling so einige Bemerkungen, für die ich mich heute noch schäme. Auch mit Herrn Deckert (Musik) kam ich gut klar. Mit anderen Lehrern hingegen wurde ich menschlich nie so richtig warm: Lateinlehrer Bank, obwohl der bei uns auch mein Lieblingsfach Geschichte unterrichtete, Dr. Klemm (Philosophie), den die Tatsache unnahbar machte, dass er auch der Direx des CDG und somit fast ein Halbgott aus höheren Sphären war, den Physiker Dr. Schindler, über den unter uns das – womöglich aus nichts als heißer Luft bestehende – Gerücht ging, er habe vor 1945 in Peenemünde gearbeitet, sowie trotz seines jungen Alters Ulrich Passiepen (Englisch), der für mich auch auf unserer zweiwöchigen Abschlussfahrt in die Camargue ein unbeschriebenes Blatt blieb.

BTW: Mit der Gleichberechtigung war es seinerzeit noch nicht weit her, von einer Frauenquote sprach auch noch niemand. Wir waren schon Primaner, als die erste, zudem junge Lehrerin an unser Knabengymnasium kam – aber unsere Klasse kriegte davon nichts ab. *grummel*
Eine Lehrerin kann und muss ich aber doch noch erwähnen, die mich allerdings nicht unterrichtet hat, sondern meine Vorgesetzte war: Hildegard Meyer war Schulleiterin am Caspar-Voght-Gymnasium in Hamburg-Hamm, wo ich insgesamt vier Jahre als Lehrbeauftragter (1973-1975) und Referendar (1978/79) arbeitete, und sie begegnete mir selbst dann noch mit unverhohlener Sympathie, als mich ein Pastor bei der Behörde anschwärzte, weil eine von mir beaufsichtigte 10. Klasse im Gemeindesaal zu viel Party veranstaltet hatte. Außerdem nahm sie mich gegen die Vorwürfe eines Elternratsvorsitzenden in Schutz, dessen 13-jährige Tochter kräftig für mich schwärmte, wofür er mich in obskuren Andeutungen mitverantwortlich machte.

 

 

Freunde im gesetzten Alter

Nur Männer? Natürlich nicht; Beziehungen zu Frauen waren sogar in der Überzahl. Aber dafür gilt ausnahmsweise: Der Gentleman genießt und schweigt.

Als ziemlich beste Freunde betrachte ich meine ehemaligen Mitschüler Harald und Gerd, auch wenn die persönlichen Begegnungen über mehr als ein halbes Jahrhundert sporadisch waren und wir uns bis heute auch nicht dauernd treffen, sprechen oder schreiben. Aber wenn wir das tun, dann ist ab der ersten Sekunde ein gegenseitiges Verständnis und Vertrauen spürbar, weil man vieles über den anderen miterlebt hat, Frau, Kind und Hund kennt und nicht erst bei Adam und Eva („Was hast du denn die letzten Jahre so getrieben?”) anfangen muss.

Nach über 40 Jahren gemeinsamer Spielegruppe zähle ich auch Uwe F. hierzu. Uns verbindet das Interesse an Fußball und Musik, aber keineswegs nur dies. Das mag auch damit zusammenhängen, dass ich ja seit deren Geburt fast sowas wie der Onkel  von seinen und Heidruns Kindern bin. Zudem weisen wir einen verwandten Humor auf und sind beide etwas dröhnbüdelige Typen, was zu einer Art Konkurrenz führen könnte. Tut es aber nicht.

Im Vergleich zu diesen kenne ich Elmar L., Journalist und Fernsehproduzent, einige Jahre jünger als ich, der in Deutsch-Fernost lebt, obwohl er im Norden des tiefen Westens aufgewachsen ist, erst relativ kurz. Virtuell begegneten wir uns ab 2005 als Autorenkollegen in der Wikipedia; die dortigen Gespräche machten uns beiden Lust auf ein Inechttreffen. Das fand dann 2007 in Münster statt. Auch bei uns war es zunächst die Affinität zu Fußball und Musik, gerne in Begleitung eines frisch gezapften Bierchens, die uns einander näher brachte. Seither besuchen wir uns gelegentlich, meist in Wedel oder Beileipzsch, waren aber auch schon zusammen in Gelsenkirchen, um uns eine Bundesligapartie zwischen seinem und meinem Verein anzusehen, woran dann auch Jürgen B. beteiligt war, der für Münster noch hatte absagen müssen.
Elmar ist ein herzlicher Mensch, klug, manchmal ironisch, aber stets freundlich, offen und unglaublich altruistisch, und so ist auch seine Familie. (M)Ein Glücksfall, dass ich ihn kenne.

 

 

 

Orte

Stammkneipen: Das zweite Wohnzimmer

Vorweggeschickt: Säufer war ich nie, sturztrunken auch nur höchst selten. Aber seit ich als Obersekundaner zum ersten Mal ohne meine Eltern ein Bierchen serviert bekommen habe, entdeckte ich die Besonderheit dieser Art von Ort; das war in einer Wirtschaft am Wupperfeld, gleich nach Ende des Unterrichts, und getrunken hatte ich nur genau ein 0,2-l-Glas. Aber hinzu kam das Gespräch mit zwei, drei Mitschülern, und die andersartige Umgebung eröffnete eine neue Dimension – intensiver, persönlicher & erwachsener als beim Austausch auf dem Schulhof oder beim Wandertag. Dass ein Lokalbesuch auch neue Bekanntschaften ermöglicht, wurde schnell meine nächste Erfahrung, der ich als frischgebackener Student in Wuppertal kurzzeitig in Cally’s Snackbar beim Werth und dann hauptsächlich bei Fongi im Jazzclub Adersstraße nachging. Außerdem – das kennt die jüngere Leserin heutzutage vermutlich gar nicht mehr – durfte man seinerzeit in diesen Läden noch nach Herzenslust qualmen, und auch für den kleinen Hunger war gesorgt: Frikadellen, Mettwürstkes, Soleier (mein einziges Äh-bäh), einen Erdnussautomaten, belegten Toast aus dem Minigrill oder eine kurzzeiterhitzte Ochsenschwanzsuppe gab es am Tresen. In meiner Studibude war die Kombination all dieser kommunikativen und kulinarischen Möglichkeiten deutlich eingeschränkter. Darum widme ich meinen zweiten Wohnzimmern hier ein kleines hymnisches Dankeschön. Ob ich irgendwann auch meine zweiten Küchen – das sind die Pommesbuden – noch besinge, lasse ich mal offen; dabei hätte alleine schon der Imbisswagen am Hasselbrook-Bahnhof („Wer Hans sien Wurst nich kennt, de hett de Tied verpennt”) eine Würdigung unbedingt verdient.

1985 bei Kuddl: Zwometerfuffzich vom Eingang bis zum Tresen, Zigarettenautomat in Armweite

In Altonas Altstadt wurden ab 1982 die Chemnitzstuben von unserer angegrünten Mietergruppe regelmäßig mit Beschlag belegt. Deren maximal 25 m² großer Schankraum lag nur zwei Wankender-Fußgänger-Minuten von meiner Wohnung entfernt – sehr praktisch, das! Bis dahin war das reines HSV-Territorium gewesen, mit einem wunderschönen Kevin-Keegan-Deckenfresko versehen, und ganz zu Beginn gab es da durchaus mal eine kurze kritische Situation. Wir spielten zwar kein Klabberjas, allerdings konnten mehrere von uns trinkmengentechnisch durchaus mit Stauerfiezen, Gerüstbauern und Panasonic-Dieter mithalten, was auch die Lokalspezialität namens Rostiger Nagel (falsch getrunken eine brennend scharfe Flüssig-Mutprobe) einschloss und uns wachsende Anerkennung bescherte. Außerdem hatte der Wirt Kuddl Baumhauer, eine Seele von Mensch, uns in sein Herz geschlossen, so wie wir ihn. Als das Gebäude 1988 erst abbrannte und bald darauf zusätzlich teileinstürzte (der Verdacht der „heißen Sanierung” durch den Hausbesitzer lag mehr als nahe), haben wir ihn gelegentlich noch in seiner neuen Eimsbüttler Pinte besucht. – In den 1980ern war ich ansonsten häufiger auch Gast im Frank und Frei an der Schanzenstraße; den Namen hatte ich Frank Filla vorgeschlagen, als er mir ankündigte, die Eckkneipe pachten zu wollen.

Die Reste der Mietergruppe (v.a. Tina, Martin, Holger und ich) trafen sich später gerne im Schellfischposten am Fuß der Köhlbrandtreppe – jedenfalls so lange, bis durch Ina Müllers Fernsehdünnsinn aus einer der letzten authentischen Hafenkneipen eine Promi- und Touri-Attraktion wurde. Ich besuchte ansonsten bevorzugt Erpel, Woodpecker sowie das Sansculotte (Ecke Zeiseweg/Eggerstedtstraße), die von der Holstenstraße nicht gar so weit entfernt lagen. An der Max-Brauer-Allee lag auch die Grotte, der Archetypus eines Absturz-Trinkplatzes; den liebte ich ab imo pectore. Wobei der Zufall (oder war’s gar die Vorsehung?) es wollte, dass auch dessen Wirt Kuddl hieß.
Eigentlich waren das alles richtig schöne Kaschemmen, also klassische Eckkneipen, um die Intellektuelle und Grüntypische ganz überwiegend naserümpfend einen weiten Bogen machten und die zunehmend auf die Rote Liste vom Aussterben bedrohter Kommunikationsorte geraten – zu meinem größten Bedauern, denn tatsächlich müssten die längst zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

Ab 1995 wohnte ich zwar nicht mehr in Alt-Altona, kehrte aber tresologisch immer noch dorthin zurück, dann insbesondere in Michaels Alt-Ottensen mit seiner fantastisch gefüllten Musicbox und Zum Elbblick von Kuno, dem singenden Wirt, wo wir neben Brigittes Souterrainlokal auf St. Pauli häufiger Gelage unseres FCSP-Fanclubs sowie Treffen der Hamburger Wikipedianer abhielten. Mit beiden Gruppen frequentierten wir auch das Anno 1905 am Holstenplatz. – In Wedel wurde zunächst das Bier- und Wein-Comptoir (BWC), dann Hohmanns zu meinem bevorzugten Tresen.

 

 

Der Stuhlmann-Brunnen

Hamburg links unten, Altona rechts oben

Wer Altona und seine Menschen verstehen will, kommt an diesem imposanten Monument nicht vorbei. Es veranschaulicht bildhaft, weshalb nicht nur ich mich immer als Altonaer, aber nie als Hamburger verstanden habe. Zu dem Thema gibt es viele Bücher; eins mit besonders plastischer Darstellung des Verhältnisses zu den ungeliebten Nachbarn ist das 1974 erschienene «Hamburg, deine Altonaer» von A. Karl Pick.

Aber der von Paul Türpe geschaffene Stuhlmann-Brunnen zeigt das ganz ohne Worte, zumal er in einer Sichtachse mit dem schneeweißen Rathaus liegt, das in vorhamburgischer Dänenzeit ein Bahnhof war. Dargestellt wird das Ringen zweier Zentauren um einen riesigen Fisch, und man sieht bereits, dass Altona obsiegen wird. Symbolkraft pur. Tatsächlich war diese meine Stadt um 1900 Deutschlands größter Fischanlande- und -verarbeitungsplatz. Und übrigens: Auch der weltberühmte Fischmarkt, dessen Hamburg sich werbend rühmt, ist von der Lage her noch heute fest auf Altonaer Boden angesiedelt; ebenso das Volksparkstadion.

…, nachdem sie sich getraut haben, sich trauen zu lassen.

Der Brunnen – wo Altonaer küssen …

Als Rosi und ich 1993 heirateten, konnte es also nur genau einen Ort für das offizielle Foto der frisch Vermählten geben. Nämlich diesen. Es sei denn, jemand ist so kleinlich, festzustellen, dass es doch ein weiteres Bild direkt vor dem rathäuslichen Standesamt gegeben habe. Wer dermaßen kleinkariert klugscheißt, kann dann aber nie & nimmer ein Altonaer sein, sondern vermutlich jemand Ortsfremdes – womöglich sogar ein bemitleidenswerter Hamburger …

 

 

 

 

 


 

Dies ist eine Unterseite der Hauptseite «Vita», die Du über das Menü im Seitenkopf aufrufen kannst.