Nichts

Am 14. Juli 1789 trug Roi Louis XVI in sein Tagebuch als einziges Wort «Rien» ein, also «Nichts». An diesem Tag war mit der Erstürmung des Pariser Stadtgefängnisses La Bastille die französische Revolution ausgebrochen, und der Eintrag des Königs gilt seither als Musterbeispiel einer hochgradigen Realitätsverweigerung.(¹)
Geht es mir gerade ganz ähnlich? Seit vier Monaten hat mich meine angeborene Ge­schwät­zig­keit verlassen, so dass ich 2026 noch keinen einzigen Blogbeitrag verfasst habe. Dabei böten die Nachrichten doch täglich gewichtige An­läs­se für Kommen­tie­rung. Aber dauernd nur bedauernd oder wütend den Zustand der Welt zu bejam­mern zöge meine Stimmung vollends in den Keller. Außerdem: Was könnte ich zum wirt­schaft­li­chen und politischen Niedergang Deutsch­lands, zum Krieg am Persischen Golf oder der Hungerkatastrophe im Sudan sagen, was nicht bereits vielfach von anderen gesagt worden ist? Dass zu meiner Schreib­un­lust auch hef­ti­ge gesund­heit­liche Pro­ble­me zweier Frauen in meinem näheren Umfeld bei­tra­gen, macht es nicht besser.
Mein gewohnter Frohsinn wird derzeit auf eine harte Probe gestellt, weil das Stöbern nach guten Nachrichten wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen wirkt. Selbst das Rausfliegen der FDP aus zwei Landtagen und Viktor Orbáns krachende Wahlschlappe konnten mich nur kurzzeitig aufheitern. Dabei will ich doch gar kein Schwarzmaler werden. Weshalb ich derzeit einfach mal den Mund und die Finger still halte.
Solange daraus kein dauerhafter Blog-Block wird …

(1) Zur ganzen historischen Wahrheit gehört allerdings, dass es sich um Ludwigs Jagdtagebuch handelte; und da er diesem blutigen Hobby an besagtem Tag nicht nachgegangen war, hatte er halt keine Trophäen einzutragen.