Wuttkes

 

Wuttkes Trasse gibt’s wirklich – aber wieso eigentlich nur im Tal der Ahnungslosen?

 

 

Einbettung in meine „engere” Familie

 

 

Beim Schreiben fällt mir selbst auf, wie wenig Kontakt ich zu den Sahmkows hatte – zwischen Jörns Konfirmation Anfang der 1960er und Onkel Richards Tod vierzig Jahre später praktisch überhaupt keinen. Das kann nicht alleine am Altersunterschied oder an den (späten) Verwerfungen gelegen haben, die zwischen meinem Vater und Tante Ilse aufbrachen, und das war mit meinen Schulz-Vettern anders, als ich etwas älter geworden war.

 

Vier aus diesem Familienbaum: Fritz‘ und Olgas Kinder.

Ilse, Reinhold, Friedrich, Erna (um 1920)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Spurensuche nach meinen Vorfahren

Väterliche Ahnen

Der älteste, mir namentlich bekannte Wuttke erblickte im 18. Jahrhundert in Schlesien das Licht der Welt, auf dem Land zwischen Breslau (Wrocław) und Ohlau (Oława). Das Interesse, ein bisschen mehr über meine weit zurückliegenden Wurzeln zu erfahren, war schon um 1960 durch die Lektüre eines Jugendbuchs über einen Schüler namens Wuttke aus Görlitz angeregt worden, dann aber in Vergessenheit geraten. Erst aus dem 1998 geerbten, in der Nazi-Zeit obligatorischen „Ahnenforschungsbogen”, herausgegeben vom Aufklärungsamt für Rassefragen, und durch Gespräche mit meinem Cousin Rüdiger hatte ich immerhin einige dürre Lebens-Rahmendaten von Familienmitgliedern zur Hand:

⊗ mein Urururgroßvater Johann Christoph (* 1764 in Seiffersdorf, † unbekannt), ein Kretschambesitzer (also Dorfkneipier)

⊗ dessen Sohn Johann Gottfried (* 1797 in Seiffersdorf, † 1877 in Marschwitz), arbeitete als Schullehrer

⊗ mein Urgroßvater Carl Gottlieb Reinhold (* 1838 in Marschwitz) wanderte als junger Mann nach Hamburg aus, wo er, wie so viele Landflüchtige, seinen Lebensunterhalt als Arbeiter verdiente, wohl 1871 eine drei Jahre ältere Frau namens Maria Louise Friedrica Fuhrmann heiratete und bereits mit 45 Jahren starb. Einer der dieser Ehe entstammenden Sprösslinge war mein besagter Opa Friedrich Wilhelm Reinhold (* 1880 in Hamburg), den sie als 70-Jährigen aus dem Krankenhaus im Schanzenviertel rausgeschmissen hatten.

Meine Spurensuche auf den Friedhöfen von Zabardowice und Marszowice blieb erfolglos; Ersterer war während der Belagerung Breslaus durch die Rote Armee zerstört worden und wies fast ausschließlich Gräber aus der Zeit nach 1945 auf. Alte Kirchenbücher in der Kreisstadt zu durchforsten, sofern diese Matrikeln das Kriegsende überhaupt überlebt haben, war mir an dem langen Wochenende nicht möglich.

 

Mütterliche Ahnen

Meine mütterliche Herkunftslinie ist deutlich schlechter dokumentiert; immerhin weiß ich, dass diese Seite meiner Vorfahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus diversen Gegenden nördlich und östlich der Elbe (darunter Ostpreußen, Sachsen, Mecklenburg, Dithmarschen, Nordschleswig) nach Hamburg emigriert ist. Denn Ingrid hatte für ihre Hälfte der Ehegeschichte die Namen und Daten einer ganzen Reihe zusätzlicher Familienmitglieder herausfinden können. Und als es in Deutschland kurzzeitig zulässig war, hat meine Mutter 1995 ihren Nachnamen zu Richert zurückgeändert, ohne daraus eine Doppel- oder Triplekette zu bandwurmen. Verständlich, dass ihr ihre Seite der Familiengeschichte wichtig war. Aufgewachsen ist sie als Einzelkind; ihre Eltern hatten lange Zeit einen Tabakladen im südöstlichen Barmbek (Nähe Wagnerstraße) besessen.

Ihre Nachforschungen haben am Beispiel ihrer Mutter individuelle Schicksale zutage gefördert, die das Leben der einfachen Leute um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auf brutale Weise veranschaulichen – Unfälle, Krankheiten, Krieg, Verbrechen. Meine Omi Martha hatte fünf Geschwister, drei ältere und zwei jüngere: Johanna Ziegler war im Kinderwagen eine Böschung heruntergerollt, trug bei dem Sturz dauernde Schädigungen davon und starb 1919 mit 28. Paul war im Weltkrieg Flieger, stürzte bei einem Einsatz 1918 ab und wurde nur 24, Willy fiel als sogar erst 20-Jähriger bereits 1915 an der Front. Den beiden Jüngsten war das kürzeste Leben vergönnt: Otto erlebte in Folge eines Sturzes aus dem Wohnungsfenster seinen dritten Geburtstag 1901 nicht mehr, während die dreijährige Anita 1904 an Diphtherie starb. Die Mutter dieser sechs Kinder, meine Urgroßmutter Christine Marie Louise Ziegler (* 1872), wurde im August 1943 von den Nazis in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Ich bewundere meine Großmutter aufrichtig, wie sie mit einer solchen Geschichte in ihrer nächsten Nähe hat umgehen können, die ich erst lange nach ihrem Tod erfuhr. Zu ihren Lebzeiten habe ich nie auch nur einen Hauch von Trübsinn, Trauer oder Verzweiflung wahrgenommen.

 

Von beiden Ahnenseiten …

… sind – sofern ich das nicht wunschvoll überinterpretiere – ersichtlich bestimmende Schicksalsfäden meines eigenen Lebens gesponnen worden. Da wären zum einen die Broterwerbe zweier Wuttkes und eines Richert: Der Lehrer und der Tabakladeninhaber sind selbsterklärend; vom Wirt stammt meine gelebte Überzeugung, dass Kneipentresen kulturell zentrale Orte des sozialen Lebens und der Kommunikation sind – gerade auch in Zeiten, in denen virtuelle Treffen um sich greifen.

Wozu auch der Familienname selbst beiträgt: «Das Wort Wodka ist die Verkleinerungsform des polnischen Wortes woda bzw. des russischen Wortes вода für Wasser [ergo Wässerchen]. Früher wurde die Spirituose auf Deutsch Wutka genannt.» Und dass ich kein Wässerchen trüben kann, gehört zum allgemeinen Wissensschatz.

Schließlich lassen die zwischen Skandinavien und Ostmitteleuropa breit gestreuten Herkunftsregionen meiner Vorfahren nur einen Schluss zu: „Was kuxtu, Alder, isch au glasklar Migrationshintergrund!” – nur dass darüber früher niemand dermaßen viel Gewese gemacht hat.

 

Mein Rufname

Den Namen Olaf fand und finde ich bis heute passend und wollte auch nie anders heißen. Es war meine Mutter mit ihrem Faible für Skandinavisches, die maßgeblich für diese Benamsung verantwortlich war, und meine Schwester hatte ja schon die Astrid abbekommen. Die Geschwisternamen waren also Ton in Ton. Dabei waren beide in Deutschland insbesondere in meiner Kindheit eher ungewöhnlich, und das bekam ich zum ersten Mal 1957 mit, als wir gerade Neubürger Stuttgarts geworden waren. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene fragten wiederholt nach, wenn ich mich vorstellte: „Do heisch Ulla?” Kannitverstaan in Dummschwaben halt!

In den 1970ern und dann speziell in Frankreich kam mir bei erstem Vorstellen zuhilfe, dass dort ein Häuptling in Astérix et les Normands den Namen Olaf Grossebaf trägt und ich auch überhaupt kein Identitätsproblem damit hatte, dass Grossebaf übersetzt sowas wie kräftige Maulschelle bedeutet. Anstrengender war schon, dass es in Deutschland einen Werbespot für Wick Formel 44 gab, der um einen glatzköpfigen jungen Mann kreiste; der Satz „Olaf hat Husten. Was? Das darf er nicht!” verfolgte mich tatsächlich etliche Jahre. Heute kann ich darüber nostalgisch schmunzeln. Und noch zwanzig Jahre später erschien mit Volker Kriegels Olaf, der Elch ein hübsches kleines Bilderbuch über einen tierischen Sympathieträger, das außer mir aber offenbar niemand gelesen hat; jedenfalls gab es dazu aus meinem Bekanntenkreis keine Kommentare.

 

Zwei Arbeitsleben

Mein Vater hatte unmittelbar nach seinem Abitur am Heinrich-Hertz-Realgymnasium 1934 eine Lehre als Außenhandelskaufmann begonnen – bei der Firma Tuboflex, die seinerzeit an der Schäferkampsallee, nach dem Krieg in Ottensen Schläuche herstellte; dort arbeitete er bis März 1939 und wechselte dann als Fremdsprachenkorrespondent zur Harburger Gummiwaren-Fabrik Phoenix. Sein nächster „Beruf” war Soldat, und der führte ihn nach Nordafrika, wo die Wehrmachtseinheiten 1943 kapitulierten. Im Frühjahr 1945 gelang ihm gerade noch rechtzeitig die Rückkehr von der Ostfront über die Halbinsel Hela bei Danzig nach Norddeutschland, wo er kurzzeitig in britische Kriegsgefangenschaft geriet. Im selben Jahr fand er zunächst wieder Anstellung bei der Phoenix, ehe das Arbeitsverhältnis aufgrund der Kriegsschäden auf dem Firmengelände unterbrochen wurde. Ab 1946 verdiente Fritz sein Geld nacheinander bei der Spedition Lembke an der Hochallee, beim Reichsaufsichtsamt für das Versicherungswesen im Europahaus, bei Paul Busse Im- und Export sowie in einer Daimler-Benz-Niederlassung. Im Januar 1948 zur Phoenix zurückgekehrt, lernte er dort meine Mutter kennen (und – mit einer bekannten Auswirkung – lieben).

Unseren Umzug in die Nähe von Ludwigshafen verdankten wir dem Angebot seiner beruflichen Besserstellung (Prokura) bei den Pfälzischen Plastic-Werken (Pegulan) in Frankenthal durch den berühmt-berüchtigten Arisierungsgewinnler Fritz Ries, Honorarkonsul von Marokko und späterer Schwiegervater von Kurt Biedenkopf. Für die Pegulan baute mein Vater ab 1952 deren globalen Vertrieb auf – sein individueller Beitrag zum deutschen Wirtschaftswunder -, wozu er um die halbe Welt reiste, insbesondere häufig in den Nahen Osten und nach Indien. Fünf Jahre später lockte ihn die Lederfabrik C. F. Roser nach Stuttgart-Feuerbach; ich kann nur vermuten, dass seine dortige Stellung (Aufbau einer internationalen Vertriebsabteilung) eine weitere Verbesserung seiner Position bedeutete. Ich besitze zwar zahlreiche seiner Arbeitszeugnisse, aber zu Details seiner Beweggründe unserer kleinen Odyssee durch Deutschland während der 1950er habe ich ihn leider nie befragt.

Lange eine Metallfabrik, im 21. Jahrhundert zunächst ein Hotel, dann eine Flüchtlingsunterkunft, 2020 leerstehend

Dieses Kapitel im Schwobeländle dauerte nur knapp zwei Jahre, dann erforderte Fritz‘ Verpflichtung als Verkaufsleiter und Prokurist erneut den Umzug unserer Familie. Für die folgenden neun Jahre war Robert Zinn, Engels & Co., kurz Zinco, Fritz′ Arbeit- und Brötchengeber. Der Hersteller von Ösen und Nieten für die Textilindustrie produzierte in einem prachtvollen Industriebau an der Bockmühle in Heckinghausen, wo ich meinen Vater später gelegentlich bei der Arbeit besuchte und auf einem Spirit-Carbon-Drucker die Matrizen unserer Tipp-Kick-Vereinszeitung vervielfältigte. 1968 wurde die Firma von einem ihrer beiden Wuppertaler Konkurrenten (Witte & Co.) übernommen, nicht jedoch ihre leitenden Angestellten – mit der Folge, dass die gesamte erarbeitete Alterssicherung meines Vaters von einem auf den anderen Tag bei null D-Mark stand; ein gesetzlicher Sicherungsfonds für solche betrieblichen Vorsorgeeinrichtungen wurde in Deutschland erst später zur Pflicht.

An Fritz‘ 75.: Familienauftrieb in Reinbeks Loddelallee

Was blieb Fritz, zu diesem Zeitpunkt auch schon 54, anderes übrig: In einem Alter, in dem andere bereits die Dauer bis zum Eintritt in den wohlverdienten Ruhestand herunterzählen, musste er sich eine neue Existenz aufbauen. Und er schaffte das. Er zog noch vor meinem Abitur nach Reinbek, machte sich als Handelsvertreter selbständig und sorgte in den nächsten zwei Jahrzehnten dafür, dass meine Eltern ihren Lebensabend doch noch angemessen verbringen konnten. Welch eine Energie!

Meine Mutter durfte kein Abitur machen („Ein Mädchen braucht das nicht”) und schloss ihre Schulzeit 1937 am Graudenzer Weg in Dulsberg mit der mittleren Reife ab; ihr letztes Zeugnis war innerfamiliär das mit Abstand beste. Die firmenseitig verkürzte kaufmännische Lehre bei der Verlagsgesellschaft der deutschen Verbrauchergenossenschaften mündete nahtlos in ihre Weiterbeschäftigung als Sekretärin ein. Während des Kriegs arbeitete sie im ab 1941 besetzten griechischen Thessaloniki als Sekretärin bei einer zivilen Behörde oder einer privaten Institution (Spedition Schenker?). Aus Griechenland verschlug es sie 1944 nach Thüringen, wohin ihre Eltern, wie viele ausgebombte Hamburger, vorübergehend umgesiedelt worden waren. Direkt nach der Befreiung Europas von den Nazis machte der Chef der regionalen US-Militärverwaltung sie zu seiner Dolmetscherin, von Mai bis Juli 1945 in Rudolstadt und anschließend in Kassel, wo sie im Mai 1946 meine Schwester Astrid zur Welt brachte. Bereits fünf Monate später arbeitete sie wieder, diesmal bis Juli 1947 für die amerikanischen Special Services in Bad Nauheim.

Danach kam sie nach Hamburg zurück, ging zur Phoenix und traf an ihrem Arbeitsplatz ihren späteren Mann. Ab August 1950 folgten Jahre als „Nur”-Hausfrau-und-Mutter, ehe sie 1967 wieder eine Stelle als Fremdsprachenkorrespondentin bei der Maschinenfabrik Hacoba am Rand der Barmer Anlagen (Ottostraße) annahm. Im Oktober 1969 folgte sie Fritz nach Norddeutschland, arbeitete dort zunächst bei der Intercard und führte fortan sein Büro.

Übrigens muss die relative Leichtigkeit, mit der Fritz′ und Ingrids Sohn später Fremdsprachen erlernte, aus deren DNA stammen: Mein Vater hatte als Schüler Latein-, Englisch- und Spanisch-Unterricht bis zum Abi, und später eignete er sich auch noch Französisch an; bei meiner Mutter war nur Englisch Schulfach, aber sie brachte sich ebenfalls Französisch bei, und viel später überraschte sie uns alle noch mit Schwedisch.

 

Wuttke-Lyrik

Mein Großvater Friedrich – von uns Jüngeren zur besseren Unterscheidung posthum ‚Der alte Fritz’ oder Fiete genannt – besaß in den frühen 1930ern einen Käseladen in Eimsbüttel, den er mit dem Slogan

Jung soll das Mädel, alt der Wein,

der Käse muss von Wuttke sein.

bewarb. Trotz dieser brillianten Idee hielt sich das Geschäft nicht allzu lange; Eimsbüttel war wohl einfach noch nicht reif für Poesie.

Über den alten Fritz existiert eine erkleckliche Reihe weiterer Stories – ich sage nur „Wanduhr, Konfirmationsanzug seines jüngsten Sohnes, längere häusliche Absenz, Herkunft einer seiner Schwiegertöchter, Muckefuck, Rauchen in der Henriettenstraße”. Diese Eigenschaften sind zwar vielleicht mit den Jahren des Weitererzählens immer pointierter skizziert worden, machen eins aber deutlich: Ein langweiliger Normalo war das nicht! 😀

 

Man muss auch mal Realität ignorieren dürfen

1965 stieg Schalke 04 als Tabellenletzter aus der Bundesliga ab, spielte aber in der folgenden Saison dennoch weiter erstklassig. Wie das? Der DFB entschied, die Liga in der neuen Saison mit 18 statt bisher 16 Mannschaften fortzusetzen und dafür niemanden absteigen zu lassen. Das Wort von der „Fußball-Mafia DFB” war damals noch nicht geläufig, aber der Verdacht lag nahe, dass der Verband eine Lex Schalke geschaffen habe.

Mein Vater allerdings, der damals am Ende jedes Spieltags eine aktuelle Tabelle erstellte, führte diese unter Auslassung aller Ergebnisse der beiden eigentlich abgestiegenen Klubs – der andere war der Karlsruher SC – weiter.

Warum ich das erzähle? Nun, die Liebe zu diesem Sport, zum Führen von Tabellen und Statistiken sowie das darin erkennbare Gerechtigkeitsempfinden hat mein Vater mir offenkundig vererbt.

 

Keine Wuttkes mehr?

Natürlich wird es sie weiterhin geben. Die deutschsprachige Wikipedia beispielsweise führt derzeit 21 Namensträger (nur in der Schreibweise mit Doppel-t und nur solche ohne Doppelnamen) auf, die sie für relevant hält und von denen knapp die Hälfte noch lebt. Drei weitere kenne ich alleine aus Hamburg persönlich. Darunter ist allerdings niemand, von dem mir bekannt wäre, dass er wenigstens einigermaßen nah mit meiner Familie verwandt ist; und bei einigen von ihnen bin ich darüber sogar ziemlich froh. Gell, Martin? Gell, Wolfram? Aber mein Zweiglein dieser Sippe hat tatsächlich keine Kinder mehr, die unseren Namen weitertragen, und wenn nicht noch etwas völlig Überraschendes passiert, bleibt das auch so. Der Zweig stirbt aus.

Harald und Udo

Dabei stand ich schon einmal kurz vor einer solchen Überraschung. Bei einem Besuch in Wuppertal, wohl um die Jahrtausendwende, bestanden Udo H. und zwei, drei weitere Bekannte darauf, mich abends in eine ganz bestimmte Kneipe auszuführen. Auf meine Frage, weshalb gerade dorthin, murmelten sie nur Unverständliches in ihre Bärte. Diese Schankwirtschaft lag in Elberfeld, oberhalb des Döppersbergs und nicht allzu weit von der Adersstraße entfernt, wo ich 30 Jahre früher häufig eingekehrt war, bis Fongi und Jette weit nach der Sperrstunde tatsächlich dicht machten und ich zu Fuß viele Kilometer nach Vohwinkel latschen musste. Wenn sich nicht noch eine barmherzige Gästin fand, die bereit war, ihr Kopfkissen mit mir zu teilen.

Abends, das erste frisch Gezapfte vor uns auf dem Tisch, wies mich einer der Kumpels auf eine Frau hin, die in einem anderen Teil der Gaststube bediente. Sie erzähle nämlich schon seit langem herum, dass Olaf, der Vater ihres Sohns, noch vor dessen Geburt Ende 1970 nach Hamburg abgehauen sei. Ob ich sie erkenne? Um es kurz zu machen – ich ging zu ihr hin und fragte sie, ob mein Gesicht ihr auch nur entfernt bekannt vorkomme. Nachdem sie das rundheraus verneinte und zudem nie einen Olaf gekannt haben wollte, brauchte ich mir über eine späte, plötzliche Vaterschaft auch keine Gedanken mehr zu machen. Damals war ich darüber durchaus erleichtert.

 

Altonaer Hauptfriedhof

Übrigens: Mein Todesdatum auf Basis der Sterbetabelle des Statistischen Bundesamtes soll der 17.9.2034 werden – theoretisch. Nach dem Todesuhr-Test bei testreich.com tritt dieses Ereignis sogar erst 2038 oder 2039 („als 88-Jähriger”) ein, während wie-alt-werde-ich.de mir den April 2033 prognostiziert. Selbst da muss ich aber erst mal hinkommen. Sind eh alles nur Spielereien; außerdem weiß der Franzose:

Partir c’est toujours un peu mourir.